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Die JULIA STOSCHEK FOUNDATION ist eine 2017 gegründete gemeinnützige Kunst- und Kulturstiftung, die sich der öffentlichen Präsentation, Vermittlung, Förderung, Konservierung und wissenschaftlichen Aufarbeitung zeitbasierter Kunst widmet. Die heutige Stiftung verfügt über zwei Ausstellungshäuser in Berlin und Düsseldorf, in denen wegweisende Medien- und Performance-Kunst der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, und verwaltet eine der umfangreichsten Privatsammlungen zeitbasierter Kunst weltweit.

Mit über 1.000 Werken von mehr als 300 Künstler*innen umfasst die 2002 gegründete JULIA STOSCHEK COLLECTION Video, Film, Mehrkanal-Videoinstallationen, Multimedia-Environments, Performance-, Sound- und Virtual-Reality-Arbeiten. Fotografie, Skulptur und Malerei ergänzen den zeitbasierten Schwerpunkt.

The Lonely Villa - Jesper Just

Jesper Just, The Lonely Villa, 2004, 16-mm-Film, transferiert auf Video, 5′30″, Farbe, Ton. Courtesy of the artist.

In einem abgedunkelten Raum sitzen mehrere ältere Männer an einzelnen Tischen und warten schweigend darauf, dass die Telefone vor ihnen klingeln. Als der Protagonist schließlich einen Anruf erhält, erscheint ein junger Mann am anderen Ende der Leitung, der ein Liebeslied singt. Der ältere Mann antwortet ebenfalls singend, nach und nach stimmen die anderen Männer ein.
Der Film arbeitet mit musikalischer Kommunikation statt mit Dialog. Die formale Strenge der Inszenierung kontrastiert mit der emotionalen Offenheit der Figuren. Themen wie Männlichkeitsbilder, Generationenverhältnisse und Identität werden angedeutet, ohne eindeutig aufgelöst zu werden.

At the House of Mr. X - Elizabeth Price

Elizabeth Price, At the House of Mr. X, 2007, HD-Video, 20′, Farbe, Ton. Courtesy of the artist.

At the House of Mr. X führt durch ein modernes Haus, welches in den späten 1960er-Jahren für den Kosmetikunternehmer und Kunstsammler Stanley Picker in einem wohlhabenden Londoner Vorort gebaut wurde. Die Kamera bewegt sich langsam durch Eingang, Empfangsbereich, Esszimmer, Salon und Schlafzimmer, sie verweilt auf Oberflächen, Details und den im Haus ausgestellten Kunstwerken. Eingeblendete Dokumente stammen aus den Archiven des Hauses, darunter architektonische Pläne, Bestandslisten und Werbeanzeigen für Kosmetikmarken. Die Arbeit verbindet diese unterschiedlichen historischen Quellen mit den schimmernden Innenräumen und verweist auf soziale und ästhetische Vorstellungen von Wandel und Inszenierung.

At the House of Mr. X

A Minute Ago - Rose Rachel

Rachel Rose, A Minute Ago, 2014, Einkanal-HD-Videoinstallation, 8′43″, Farbe, Ton. Courtesy of the artist and Pilar Corrias, London.

In A Minute Ago zeigt Rachel Rose, wie ein ruhiger Moment abrupt umschlagen kann: vom sonnigen Strand ins Chaos eines Hagelsturms und vom stillen Glass House – einem ikonischen Wohnhaus aus Glas – zu der geisterhaften Präsenz seines Architekten, Philip Johnson. Die Arbeit verbindet diese Szenen, um zu zeigen, wie unterschiedlich Orte wirken können und wie sich ihre Bedeutung im Zusammenspiel von Bildern, Erinnerung und historischer Umgebung verändert.

A Minute Ago

Something to Love - Jesper Just

Jesper Just, Something to Love, 2005, 16-mm-Film, transferiert auf HD-Video, 8′10″, Farbe, Ton. Courtesy of the artist.

Der Film zeigt die Fahrt einer schwarzen Limousine durch eine leere Tiefgarage. Ein älterer Mann sitzt weinend am Steuer, während ein junger Mann auf der Rückbank schweigend aus dem Fenster blickt. Nach dem Anhalten folgt der Fahrer dem jungen Mann durch das Gebäude bis zu einem Aufzug, in dem dieser eine Frau küsst. Die Szene entfaltet sich in einer entrückten, fast mechanischen Bewegung, begleitet von sphärischer Musik.
Die präzise, an Kinoästhetiken orientierte Bildsprache kontrastiert mit der offenen, schwer deutbaren Beziehung zwischen den Figuren. Die Arbeit lässt verschiedene Lesarten zu, ohne eine eindeutige narrative Auflösung anzubieten.

Something to Love

Never Sleep With a Strawberry in Your Mouth - Andro Wekua

Andro Wekua, Never Sleep with a Strawberry in Your Mouth, 2010, HD-Video, 14′, Farbe, Ton. Courtesy of the artist and Gladstone Gallery, New York/Brussels and Sprüth Magers, Berlin/London/Los Angeles. 

In Never Sleep With a Strawberry in Your Mouth begleitet man einen Jungen, der sich von einem stillen Balkonblick aufs Meer in eine Abfolge von Räumen bewegt, in denen Musik, Figuren und Atmosphären plötzlich kippen und sich ein vertrautes Haus in eine albtraumhafte Szenerie verwandelt. Durch diese traumartige Abfolge von Eindrücken verwebt der Film Erinnerungen, Ängste und surreale Elemente zu einer Bildwelt, die sich wie ein persönlicher, brüchiger Traum entfaltet.

Never Sleep with a Strawberry in Your Mouth

Oh, the Humanity! - Jon Rafman

Jon Rafman, Oh the humanity, 2015, HD-Video, 3′02″, Farbe, Ton. Courtesy of the artist and Daata, London.

Die Videoarbeit zeigt eine Gruppe von Menschen, die auf bunten Schwimmringen im Wasser treiben. Die Kamera verdichtet die Körper zu einer nahezu endlosen, fließenden Masse. Eine ruhige, ambientartige Tonspur begleitet die Bilder und erzeugt zunächst eine entspannte, beinahe meditative Stimmung. Durch die Wiederholung der Szene und die Verschiebung von Perspektive und Maßstab entsteht jedoch ein irritierender Eindruck von Stillstand und Entindividualisierung.
Der Titel verweist auf den Ausruf „Oh, the humanity!“ während der Radioübertragung des Hindenburg Unglücks 1937. Diese historische Referenz verschiebt die Lesart der Bilder. Die scheinbar harmlose Urlaubsszene wird zu einer Reflexion über kollektive Existenz, Verletzlichkeit und das Spannungsverhältnis zwischen Nähe und Anonymität.

Pilgrim - Cauleen Smith

Cauleen Smith, Pilgrim, 2017, Video, 7′41′′, Farbe, Ton. 

Pilgrim ist inspiriert von den spirituellen und musikalischen Philosophien Alice Coltrane Turiyasangitanandas (1937–2007). Die Kamera bewegt sich durch den von ihr gegründeten Sai-Anantam-Ashram in Kalifornien und führt weiter zu den Watts Towers in Los Angeles sowie zu einem Shaker-Friedhof im Norden des Bundesstaates New York. Diese Orte stehen für gemeinschaftliche Vision, Widerstandskraft und spirituelle Suche. Der Film trägt einen Ton der Dankbarkeit und Verehrung und lässt Coltranes Hingabe und Transformation nachklingen. Pilgrim würdigt ihr Vermächtnis und zeigt, wie spirituelle Gemeinschaften zu Orten von Hoffnung werden.

Pilgrim

Sometimes the dress is worth more money than the money - Tracey Emin

Tracey Emin, Sometimes the dress is worth more money than the money, 2001, Video, 4′, Farbe, Ton. © VG Bild-Kunst, Bonn 2021. Courtesy of the artist.

Für diese Arbeit reiste Tracey Emin nach Zypern, in das Herkunftsland ihres Vaters. Der Film zeigt sie in einem traditionellen zypriotischen Hochzeitskleid, das mit Geldscheinen versehen ist. Ausgangspunkt war eine persönliche, fast kindliche Faszination für ein Brautkleid, das sie in einem Schaufenster entdeckte.
Die Figur der Braut erscheint zugleich inszeniert und verletzlich. Der Film bewegt sich zwischen autobiografischem Bezug und kulturellem Ritual. Themen wie Wert, Begehren und Projektion werden dabei nicht direkt kommentiert, sondern über die Bildsprache und die performative Präsenz der Künstlerin verhandelt.

Wir danken der Julia Stoschek Foundation für die Bereitstellung des Materials.